1. Hupen Aktiviert Nur Ordentlichen Irrsinn (HANOI)

Veröffentlicht am 4. September 2026 um 07:01

Es ist 5.30 Uhr Ortszeit und neben unserem Taxi kämpft sich eine Mopedfahrerin durch das geordnete Verkehrschaos auf der Brücke über den Roten Fluss gen Innenstadt.

Ihre Augen hat sie noch einen Millimeter mehr zu Schlitzen verengt, um den aufwirbelnden Dreck gepaart mit der jetzt schon schwül-heißen Luft abzuhalten.

Auf ihrer Sitzbank geladen hat sie 20 Paletten Eier sowie unverpackte Fleisch-Lappen, die sich im Takt der Schlaglöcher gen Boden dehnen.

Dieser Anblick, bei dem sich der europäische Magen dreimal umdreht, basiert auf einem völlig anderen System: schlachtfrisch statt Kühlkette.

Was um 4 Uhr geschlachtet wird, landet eine Stunde später auf dem Markt und wird wenige Stunden später in Imbissen an den Mann gebracht.

Der richtige Zeitpunkt des Frühstücks ist allerdings entscheidend - je eher man seine “Pho“ (eine dampfende Schale Reisnudelsuppe mit Fleischeinlage) genießt, desto geringer das Hygienerisiko.

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Der Tag beginnt für Vietnamesen schon sehr früh und überall sehen wir Menschen auf der Straße sitzend und auf ihre Handys starrend.

Aber auch dieser Anblick trügt: was wie kollektives Nichtstun aussieht, ist in Hanoi meist eine Kombination aus digitaler Arbeit und extremen Platzmangel im Haus - man wickelt als Taxifahrer oder Lieferdienst gerade sein Geschäft ab oder wartet auf den nächsten digitalen Eingang.

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Unser Business-Class-Flug, der uns ohne Umstieg in 10,5 Stunden von München nach Hanoi brachte und herrlich bequeme Liegesitze bot, erbrachte leider nicht den ersehnten Schlaf. Zu viele Gedanken schwirrten noch in unseren Köpfen umher.

Nun stehen wir gegen 7 Uhr vor unserer Unterkunft und haben völlig verballert, dass wir erst um 14 Uhr einchecken können.

Also drehen wir eine erste Ortsrunde und saugen die ersten Eindrücke an diesem verlängerten Wochenende anlässlich des bevorstehenden Nationalfeier-Tages (Unabhängigkeit von Frankreich und Japan) auf.

Zu meiner Überraschung empfindet Lyssi das chaotische Gewusel in dieser asiatischen Hauptstadt nicht als anstrengend, sondern vielmehr als aufregend, interessant und belebend.

Zurück in der Unterkunft ziehen wir uns im angegliederten Café auf eine gemütliche Sitzbank zurück, beobachten das Treiben und testen uns einmal quer durch die Getränkekarte.

Das regelmäßige Hupen der Roller, was hier eher als eine freundliche Warnung als eine aggressive Geste zu verstehen ist, hält mich verlässlich im Halbschlaf und bewahrt meinen müden Kopf so vor dem Aufschlagen auf dem Cafétisch.

Um 13 Uhr kommt dann der ersehnte Ruf unseres Rezeptionisten, dass unser komfortables Zimmer im 4. Stock mit Balkon und Blick über die Stadt geräumt, geputzt und fertig zum Beziehen ist.

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Nach einem seligen Mittagsschlaf stürzen wir uns auf unser erstes Highlight: die “Train Street“.

Dieses Herzstück der Transindochina-Nord-Süd-Verbindung war bis 2017 eigentlich eine unauffällige Wohngasse, welche Anwohner als verlängertes Wohnzimmer nutzten oder auf den dortigen Schienen ihr Essen zubereiteten oder Geschirr abwuschen.

Dann wurden Reisende auf diese Kuriosität aufmerksam und der aufkeimende Social-Media-Boom machte die „Train Street“ weltweit bekannt.

Die geschäftigen Asiaten wandelten ihre Häuser an der Strecke zu Geschäften um und nun rollen mehrmals täglich lange Diesel-betriebene Züge im Abstand von ca. 30 cm an den Café-Tischen etc. vorbei.

Hierbei ist Obacht geboten: wenn die Café-Betreiber nicht nur Tische wegräumen, sondern Gäste auch hektisch an die Wand drücken, kommt der Zug in wenigen Sekunden.

Ich wünsche mir jetzt unseren Opa Siegfried herbei, der bei diesem Schauspiel seine helle Freude hätte. Aber er wurde bedacht: ich habe den Kronkorken eines klassischen Hanoi-Bieres aufs Gleis gelegt, welcher vom vorbeirollenden Zug zu einem geschichtsträchtigen Glücksbringer plattgefahren wurde. Auf dich, Siegfried!

Als ich mich so umschaue, werde ich auf ein deutsches Pärchen an einem Nachbartisch aufmerksam, welches aus den Touristenmassen heraussticht, indem sie offensichtlich auf ihre Umgebung achten und im Gegensatz zu allen anderen nicht ausschließlich in ein Handy am Ende eines Selfie-Sticks grinsen.

Als der Sonderling an mir vorbei läuft, frage ich ihn: „Hey, wie war euer Tag?“ und neben dem üblichen Small-Talk unter Reisenden geht es auch zügig unter die Oberfläche.

Man lacht zusammen, man mag sich und irgendwie wäre es schade, wenn sich die Wege sofort wieder trennen würden.

Als sich die Ladies kurzschließen geht es dann auch ganz schnell: wir haben ein Date und treffen uns am Folgetag mit Psychologie-Studentin Emma und Lehrer Moritz zu einer kuriosen Shenswürdigkeit in Hanoi, dem skurrilen “Wasserpuppen-Theater“.

Bei dieser 50-minütigen Show werden alltägliche Szenen vietnamesischer Bauern vorgeführt und von einem Orchester begleitet.

Die muskulösen Puppenspieler stehen dabei hüfttief in einem Wasserbecken hinter einem Bambusvorhang und bedienen über ein komplexes System aus 4 Meter langen Bambusstangen, Seilzügen und Hebeln, welches vollständig unter Wasser verborgen ist, die bis zu einen Meter großen Holzpuppen.

Via Audioguide verkündet ein Sprecher mit unverkennbarem sächsischen Dialekt die verheißungsvollen Titel der Stücke, wie z.B. „Schlagt den Fuchs tot!“ und erklärt das zur Schau Gestellte.

Und so verleben wir gemeinsam einen witzigen Abend und quatschen bei ein paar Drinks bis spät in die Nacht.

Die Frage nach Schicksal keimt auf. Warum haben genau wir vier uns getroffen?

Ich persönlich glaube nicht an Schicksal. Ich glaube vielmehr daran, dass das Leben voller unbegrenzter Interaktionsmöglichkeiten steckt, die man entweder wahrnehmen kann oder nicht.

Vielen Dank Emma und Moritz, dass ihr unsere ersten Tage in neuer Umgebung so bereichert habt und alles Gute für eure Weiterreise nach China & Co!

Bewertung: 4.6666666666667 Sterne
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Kommentare

Carina
Vor einem Monat

Tolle Bilder!!!!!!!
Wir sind gespannt wie es weitergeht!!!!
Liebe Grüße aus der Heimat 💖
Mutti und Steffen

Lysann
Vor 8 Tage

Danke Mami ❤️ toll wenn die Bilder euch gefallen und begeistern. Das freut mich so sehr zu lesen.