Bereits beim Landeanflug auf Siem Reap, was wörtlich übersetzt „Siam (ehemaliger Name Thailands) erobert“ bedeutet, zog uns das weitläufige Grün des Dschungels unter uns in seinen Bann.
Diese zweitgrößte Stadt Kambodschas ist wegen des dort gelegenen „8. Weltwunders“ unangefochtenes touristisches Zentrum des Landes.
Als unerwarteten krassen Kontrast zur vorangegangenen Vogelperspektive betraten wir dort als erste Passagiere unsers Fliegers die sehr moderne und weitläufige Flughafenhalle und hatten dank automatisierter Passkontrolle die schnellste Einreise unseres Lebens.
Als wir nach draußen traten, schlug uns wieder die altbekannte heiße Schwüle entgegen und in der Ferne erkannten wir dank eines Namensschildes schon unseren freundlichen Taxifahrer „Poly“, der uns in den nächsten Tagen ein treuer Gefährte wurde.
Zur Begrüßung nahm er - vermutlich aus Respekt - seine Sonnenbrille ab und wir schauten in eine leere Augenhöhle. Das verbliebene andere Auge schaute kurz verlegen zur Seite und schon ging die Fahrt zu unserem Ferienhäuschen mit privatem Pool los.
Mit erfrischend wenig Worthülsen tauschten wir uns bei der Fahrt rege und interessiert aus.
Mir gefiel Polys freundlich-respektvolle Attitüde und seine klare Kante.
Natürlich musste er platzieren, dass er drei Kinder zu ernähren und wenig Geld habe.
Die Nebensaisson sei für ihn und seine Familie besonders hart, zuletzt habe er vor 15 Tagen einen kleinen Fahr-Job gehabt.
Ohne Touri-Aufschlag und Gefeilsche bot er uns unvermittelt seine TukTuk-Fahrdienste für die kommenden Tage zu einem mehr als fairen Tagessatz von ca. 15 Euro an (Getränke, Wartezeiten, viel Hintergrundwissen und beste Englisch-Kenntnisse inbegriffen) und bedankte sich auch für jeden noch so kleinen Fahrdienst gefühlt 15-mal.
Er holte uns zu jeder gewünschten Tageszeit ab, denn seiner Frau sei es völlig egal, wann er zu Hause sei, Hauptsache der Alte schaffe Kohle ran.
Bei unserer Unterkunft angekommen, vertilgten wir zügig das liebevoll hergerichtete Abendessen, um uns im Anschluss direkt in die Barstraße der Stadt zu stürzen, welche für meinen Geschmack etwas zu westlich angehaucht ist und sehr an das durchkommerzialisierte Phuket in Thailand erinnert.
Plötzlich standen dort seltsam deplatziert und von einer besonderen Aura umgeben fünf Musiker-Opis, die mittels Schilder darauf aufmerksam machten, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Kambodscha gehört zu den am stärksten mit Landminen belasteten Ländern der Welt.
Sofort fühlte sich Lyssis Opa-Herz angesprochen und sie warf ohne zu zögern umgerechnet 2€ in deren Spendenbox - immerhin ⅕ des landesweit durchschnittlichen Tageslohns.
Ob der Einäugige in erster Reihe einen Minen-Splitter abbekommen hatte oder sich schlichtweg einfach nicht die Taxifahrt zur rettenden Graue-Star-Operation leisten konnte - wir werden es nie erfahren.
Jedenfalls freuten wir uns darüber, wie er beim Anblick des ungewohnt großen Geldscheins erstrahlte und diesen sogleich aus aus der Spendenbox entnahm, um diesen für sich und seine Kompagnons zu sichern.
Für die fünf Opis war es vermutlich ein guter Abend und für uns waren es lediglich zwei Bier weniger, die unsere trainierte Leber verarbeiten musste. Tourismus nimmt und Tourismus gibt.
Die Regenzeit als Reisezeit hat auch so einige Vorteile.
So wurden wir Zeugen davon, wie der gewaltige Mekong so viel Wasser in den Tonle-Sap-(Zu-)Fluss hinein pumpt, dass letzterer seine Fließrichtung ändert und die Fläche von Kambodschas und zugleich Südostasiens größten See („Tonle Sap“) auf über 12.000 Quadratkilometer verfünffacht.
Das Ergebnis sind überschwemmte Wälder, deren spezialisierte Baumarten monatelang tauchen und fast vollständig bis zu den Baumkronen im Wasser stehen.
Zur Trockenzeit zieht sich das Wasser vollständig zurück und gibt einen begehbaren Wald mit dichtestem Wurzelwerk frei.
Das mussten wir uns anschauen und ließen uns durch die Baumkronen sowie ebenfalls spezialisierten Dörfer paddeln.
Vorbeifahrende Bootsführer im Grundschulalter grüßten uns immer freundlich und die Dörfer bestanden aus allem, was so dazugehört: Polizeistationen, Kindergärten und Kirchen - halt eben schwimmend oder auf 10 Meter hohen Stelzen.
An einem der nächsten Tage war es dann soweit: ein Ausflug nach Angkor mit seinem berühmten Tempel „Angkor Wat“ stand an.
Schon Bilder und Reportagen hiervon überwältigen einen, aber wirklich erlebbar wird dies nur vor Ort.
Angereist in einer Kleingruppe beobachteten wir gegen 6 Uhr morgens, wie die Sonne hinter den Lotusblüten-angelehnten Türmen des Tempels aufging.
Hier enden meine sprachliche Fähigkeiten und ich muss auf Lyssis unbeschreibliche Foto-Dokumentation dazu verweisen.
Jahrhundertelang wurde sich hier in Konzentration geübt und auch heute noch kann man seinen Fokus bestens trainieren: pünktlich zum Sonnenaufgang fiel die „Chinese Invasion“ ein.
Ein erster Hochfrequenz-Handventilator ging hinter mir an, dann ein zweiter, dazu noch TikTok auf einem Smartphone.
Wir Angkor-Interessierten waren offensichtlich deutlich in der Minderheit und so übte ich mich recht erfolgreich in der buddhistischen Praxis, Gedanken ziehen zu lassen…
Hiernach schlenderten wir mit unserem Guide und ehemaligen „Temple-Boy“ Vuthy auf der Pirsch nach den besten Fotomotiven durch das riesige Areal.
Lyssi drückte mir manchmal erfolglos ihre heilige Kamera in die Hand, aber nur sie hat eben den Blick für‘s Schöne - drum hat sie ja auch mich auserwählt ;)
Im übrigen sei der temporäre Eintritt junger Männer aus einkommensschwachen Familien in buddhistische Klöster oft die einzige Chance auf kostenlose Bildung, Essen sowie Unterkunft - mit gesellschaftlicher Akzeptanz des Austritts nach wenigen Jahren.
Erst im Rahmen mehrerer Besuche begreift man die unermessliche Anlage ansatzweise und so ließen wir uns einen weiteren Tag von unserem Gefährten Poly mit dem TukTuk durch die Ausgrabungsstätte fahren.
Denn nicht nur der eine berühmte Tempel macht die Faszination aus, sondern die Infrastruktur dieser Megacity: als vor 1.000 Jahren europäische Großstädte selten mehr als 50.000 Einwohner zählten, beherrbergte diese Stadt bereits bis zu 1 Million Menschen.
Allerdings sei das ausgeklügelte und hochentwickelte Wassernetz der Stadt auch letztendlich zum Verhängnis geworden: extrem schwankendes Monsun-Klima im 14. und 15. Jahrhundert mit abwechselnden Dürreperioden und Sturzfluten hätten Unmengen an Sediment in die Kanäle gespült, diese hierdurch zerstört und so zum raschen Untergang der Metropole geführt.
Am Ende des Tages genossen wir mit dem zugelaufenen Sozialpädagogen-Pärchen Kathi & Markus vom Dach eines Tempels aus den Sonnenuntergang über Angkor, gefolgt von einem unverschämt gut & günstigen gemeinsamen Abendessen.
Wenn der Körper nach Erholung schreit, sollte man dem nachgehen und so nahmen wir gerne die Offerte unserer idyllischen Unterkunft an und ließen uns einmal so richtig durchkneten.
Lyssi wählte die „Relaxing-“ und ich die „Spor-“ Vartiante, was sich als goldrichtig herausstellen sollte.
Ich kann nur erahnen, wie viele Körper die ledrigen und kraftvollen Hände meiner Masseurin bereits erkundet haben.
Jedenfalls gab sie für ihre 6 Euro Stundenlohn Vollgas. Mir gingen dabei Gedanken durch den Kopf wie: Mit welchem Körperteil malträtiert sie mich wohl jetzt gerade? Sind das noch ihre Hände oder ist das eine Schraubzwinge? Steht sie da in meinen Kniekehlen?
Am Ende fühlte ich mich gut durchgewalkt und Lyssi herrlich entspannt. Andersherum wäre Lyssi wohl blau wie ein Schlumpf aus der Behandlung gegangen.
Aber wer ist nun die Rattenkönigin?
In Kambodscha ist eine Spezialeinheit angesiedelt, nämlich die „Heldenratten“.
Das Prinzip ist denkbar simpel: mit ihrem Körpergewicht von ca. 1kg lösen die „Riesenhamsterratten“ die Anti-Personen-Minen, welche erst ab 5kg Belastung detonieren, nicht aus.
Gemäß meiner Nachfrage irrt eine Heldenratte nie und kann in nur 30 Minuten ein tennisplatzgroßes Areal absuchen, wofür ein Mensch mit einem Metalldetektor bis zu vier Tage benötigen würde.
Dabei sind sie recht genügsam. Für jedeN gefundenen Sprengkörper bekommen sie ein Scheibchen von ihrem Lieblings-Snack: einer Banane oder einer Avocado.
Vor jedem Einsatz werden Ohren und Schwänze der lichtempfindlichen Tierchen von deren Führern mit Sonnenschutzmittel eingecremt.
Die Bilanz dieser außerordentlichen Einheit ist beachtlich: in den letzten 10 Jahren haben über 100 Heldenratten in Kambodscha 8.170 Minen und 42.400 Blindgänger erschnüffelt, wodurch 86 Millionen Quadratmeter gesäubertes Land an die Bevölkerung zurückgegeben werden konnten.
Neben dem Vortrag dieser imposanten Zahlen durften wir dann die Veteranen-Ratte „Silver“ bei ihrer Arbeit bestaunen und ihn danach auch einmal auf den Arm nehmen.
Erstaunlich hierbei war, dass er jedem sofort vom Arm springen wollte.
Nur bei Lyssi blieb er ungewöhnlich lange sitzen, schleckte ihre Arme von oben bis unten ab, wollte gar nicht mehr weg von ihr und musste ihr schließlich sogar wieder abgenommen werden.
Silver hatte seine Königin gefunden.
Floating Forest bei Kampong Phluk (Tonle Sap See)
Tempelpark Angkor bei Siem Reap
APOPO Center in Siem Reap
Kommentare
Siegfried - 12.09.2026
Endlich mal wieder ein Lebenszeichen von unseren Weltreisenden. Die Fotos sind,wie erwartet, einfach Super und man ist bei der Weltreise einfach dabei. Nun fehlt nur noch der Reisebericht auf den ich richtig süchtig bin. Was Stefan da zu Papier bringt ist eine Gabe die ich voll genieße. Wir wünschen euch noch viele Abenteuer, aber nicht vergessen, immer schön wachsam sein. Tschüss Heidi und Siegfried
Antwort von Stefan - 13.09.2026
Vielen Dank Siegfried - es freut uns riesig, dass du wieder mit so viel Begeisterung dabei bist und uns damit zu immer weiteren Berichterstattungen anspornst! Drum will ich dich auch nicht länger warten lassen und präsentiere pünktlich zum Morgen-Kaffee unsere neuste Folge, viel Freude damit!
Beste Grüße aus dem alten Saigon und bis bald!
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