4. Die „Perle des Orients“

Veröffentlicht am 5. Oktober 2026 um 02:41

Angekommen in Saigon schwangen Lyssi und ich uns direkt in eine der vielen Rooftop-Bars, also eine hübsch geschmückte Bar auf dem Dach eines Hochhauses.

Zwischen bunten Laternen genossen wir bei ein paar Bierchen die herrliche Aussicht über die wuselige Stadt sowie die Ruhe abseits des Verkehrslärms und ließen den Nachmittag so dahinziehen.

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Die Wirtschaftslokomotive Saigon ist mit ihren über 14 Millionen Einwohnern noch vor der Hauptstadt Hanoi die bevölkerungsreichste Stadt Vietnams und erwirtschaftet rund ein Vierteil des Bruttoinlandsproduktes.

Die Franzosen bauten die Stadt mit breiten Boulevardstraßen und Prachtbauten zur Kolonialzeit zur Hauptstadt Französisch-Indochinas aus und verliehen ihr den Beinamen „Perle des Orients“.

Kolonialbauten stehen allgegenwärtig in direktem Kontrast zu gläsernen Wolkenkratzern und dem Gewusel der Mopeds.

Zur Zeit des Vietnamkriegs war sie Hauptstadt des antikommunistischen Südvietnams und wurde im Anschluss nach dem Staatsgründer in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt.

Fakt ist: Saigon ist deutlich anders als Hanoi.

Lyssi war erstaunt über das überraschend westliche Gesicht dieser Stadt und neigte schon zu Vergleichen der Superlative wie New York oder London.

Mich holte diese Stadt jedoch nicht ganz ab. Ich nahm ihr diese Fusion der Gegensätze nicht ab. Für mich verschmolzen Kolonialromantik und gläserne Moderne nicht zu einer Einheit sondern stehen nebeneinander wie zwei Kulissen.

Was dazwischen pulsiert ist für mich kein Mix aus beiden Epochen, sondern die ganz eigene kompromisslose vietnamesische Lebensart, die sich weder der Vergangenheit noch dem modernen Westen unterordnet.

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Dieser Eindruck verfestigte sich später bei einem ausgiebigen Stadtspaziergang, bei dem ich zudem extrem viel Veränderung im Stadtbild seit meinem letzten Besuch vor 13 Jahren feststellte.

Dabei schlenderten wir auch durch eine Straße mit Heerscharen leicht bekleideter Vietnamesinnen und schauten belustigt dabei zu, wie sich zehn dieser Damen auf zwei vorbeilaufende Europäer stürzten. Mich erinnerte dieser Anblick an die Abschluss-Szene des legendären Buches „Das Parfum“, bei welcher der Protagonist von der liebenden Menschenmenge aufgefressen wird. Oder an eine Schar von Stadt-Tauben, denen man eine Handvoll Körner hinwirft.

Einmal mehr war ich um Lyssi an meiner Seite froh, da ich so ungesehen blieb.

Dies mussten wir übrigens auch feststellen: das gewinnende Postkarten-Lächeln von vietnamesischen Händlern entpuppt sich oft als flüchtige Fassade. Sobald klar wird, dass man keine Kaufabsicht hegt, friert die Herzlichkeit im Bruchteil einer Sekunde zur steinernen Maske ein.

Der Tourist bringt das Geld und das war‘s.

Allerdings wäre es unfair, dabei auf eine ganze Bevölkerung abzustellen. Häufig sollten wir noch sehr klugen, offenherzigen und interessierten Vietnamesen begegnen, die jedoch - wie so oft - eher abseits der Gegenden zu finden sind, die vom Massen-Tourismus „versaut“ worden waren.

Bei den Begegnungen kann es aufgrund unterschiedlicher Aussprache auch zu lustigen Situationen kommen, wie uns einmal gesagt wurde:

„Pho“ ist ein traditionelles Gericht. „Fö“ oder „Fuh“ ausgesprochen, bekommt man diese schmackhafte Nudelsuppe serviert.

Bestellt man jedoch eine schöne heiße „Fo“, wäre das vietnamesischer Slang für „Prostituierte“.

Hier eine weitere spannende sprachliche Begebenheit: das Wort „dua“ meint drei Früchte zugleich. Nur die gesprochene Tonhöhe entscheidet darüber, ob man eine Melone, Kokosnuss oder Ananas meint.

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Ein extrovertierter schwuler Guide, der seine Ausrichtung als Markenzeichen und komödiantisches Konzept nutzte, führte uns durch das weltberühmte Tunnelsystem von Cu Chi.

Dieses wurde bereits zu Weltkriegszeiten ausschließlich per Hand gegraben, während des Vietnamkrieges auf eine Gesamtlänge von über 200 Kilometer ausgebaut und diente als komplette dreistöckige und bombensichere unterirdische Infrastruktur für tausende Soldaten mitsamt Lazaretten, Schulen, Kommandozentralen und sogar Theatern zur Aufrechterhaltung der Moral.

Koch-Rauch wurde durch unterirdische Kanäle über viele Meter gekühlt, sodass er stark verdünnt als Bodennebel austrat und die Luftaufklärung erschwerte.

Lüftungsschächte wurden als Termitenhügel getarnt und um deren Öffnungen Pfeffer sowie Kleidung gegnerischer Soldaten verstreut, um den Geruchssinn amerikanischer Spürhunde zu täuschen.

Die hölzernen Einstiegsluken sind kaum größer als ein A4-Blatt und wurden mit Blättern perfekt getarnt.

Und genau da sollte es jetzt für uns reingehen, um anschließend durch einen 120 Meter langen originalen Vietkong-Tunnel zu kriechen.

Lyssi schaute ungläubig auf die Öffnung und sagte „Da passe ich mit meinem dicken Po doch niemals durch!“.

Der Guide schaute mich neckisch an und entgegnete „Oh, ein dicker Po, du Glücklicher!“. Wir mussten lachen und schwupps, war Lyssi auch schon verschwunden und ich direkt danach.

Das Schlimmste war nicht die bedrückende Enge und Hitze im Tunnel, sondern dass man nicht aufrecht durchgehen konnte - wohl auch eine Art Verteidigungsstrategie.

Während ich die 120 Meter in Kniebeuge und letztendlich kriechend bewältigen musste, musste sich Lyssi, diese kleine Laune der Natur, nur unwesentlich verkürzen und kam deutlich entspannter als ich an.

Ich triefte vor Schweiß und meine Oberschenkel brannten ordentlich.

Die Vietnamesen hatten dies seinerzeit mit Ratten, Spinnen, Giftschlangen, mangelhafter Ernährung und v.a. in Anbetracht des Krieges zu bewältigen.

Und ich schnaufe schon nach einem kleinen Tunnel-Exkurs. Was bin ich nur für ein Lappen!

Da hatte der Guide wohl recht, als er am Tunnelende jeden schweiß-triefenden Aussteigenden filmte und lachend sagte: „Legt euch bloß nicht mit uns Vietnamesen an!“.

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Nun war es Zeit für eine ordentliche Portion Erholung - auf zum Luxus-Resort „Banyan Tree“!

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Kommentare

Carina
Vor 14 Tage

Lieber Stefan, liege gerade bei Anne in der Praxis auf der Liege… es wird gleich Blut gezapft und lese deinen Reisebericht.
Es ist wirklich wieder sehr amüsant, aber natürlich auch toll geschrieben.
Habe gerade köstlich gelacht 😂😂😂😂
Oh, ein dicker Po … du Glücklicher!!!!!

Stefan
Vor 13 Tage

Na das ist doch fein - da gab es also frisch Gezapftes zur Happy Hour :)

Der Guide war echt ein Kracher, das war mehr Comedy-Show als alles andere, du hättest deine hellste Freude mit dem gehabt :) LG

Rene
Vor 6 Tage

Mal wieder sehr sehr schön geschrieben, Stefan und
auch wieder ganz tolle Bilder.
Von Lyssi. LG R&K

Stefan
Vor 2 Tage

Herzlichen Dank ihr beiden!!

Ich finde Lyssis Bilder auch eine Wucht und freue mich ebenfalls immer, diese hier erstmalig zu bestaunen :)

Viele Grüße aus Kathmandu!