6. Wir sind auf Sendung!

Veröffentlicht am 16. Oktober 2026 um 14:21

Nach unserem fünftägigen Intermezzo des Nichtstuns waren wir wieder dazu bereit, mit allen Sinnen in die fremde vietnamesische Kultur einzutauchen.

Eintauchen darf hier tatsächlich doppeldeutig aufgefasst werden: bei allgegenwärtig heißer und extrem feuchter Witterung (stets >30 Grad und > 80 % Luftfeuchte) ölt man eigentlich ständig nur vor sich hin.

Mehrfaches tägliches Duschen ist zwar ganz nett für die eigene Psyche, wirkliche Linderung verschafft man sich jedoch nur, wenn man sich schlichtweg von einem klimatisierten Raum zum nächsten flüchtet.

An Sport im Freien ist nach Sonnenaufgang gleich gar nicht zu denken.

Zwischendurch wurden wir immer wieder ehrfürchtig Zeugen davon, wie die Wolken ihre Wassermassen regelrecht brüllend über die Erde ergoßen - ein dröhnendes Geräusch, das ich nicht einmal bei früheren Reisen durch das Amazonas-Gebiet jemals vernommen hatte.

Aus vielen Gesprächen erfuhren wird, dass Vietnamesen sogar noch sonnenempfindlicher als wir Europäer sind - wahre Kreaturen der Nacht, die freiwillig eigentlich nur bei Dunkelheit herauskommen, da sie „die Sonne hassen“.

Allerdings sind die Asiaten bekanntermaßen äußerst findig: schwer im Trend sind hier „Klimawesten“, dicke Jacken, deren eingebaute Ventilatoren nach dem Prinzip der Verdunstungskälte viel Luft über den Körper blasen, um so stundenlanges Arbeiten in der prallen Sonne zu ermöglichen.

Ich vermisste ein bisschen unseren goldenen deutschen Herbst.

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Unser privater Fahrer brachte uns in drei Stunden in die alte Kaiserstadt Hue zu unserem „Homestay“, also einem Zimmer im Hause einer vietnamesischen Familie - und zwar einem richtigen Homestay, und nicht nur einer Unterkunftsart, die sich aufgrund erleichterter Brandschutzregelungen und Steuervorteilen lediglich so nennt.

Empfangen wurden wir vom Großmütterchen des Hauses und dem 5-jährigen Khang, dem Sohn der Familie, der sich sein erstaunlich gutes Englisch ausschließlich durch die ständigen Begegnungen mit ausländischen Gästen angeeignet hatte.

Freudig forderte er uns zum gemeinsamen Spiel mit seinen Plastik-Dinosauriern auf und wartete an den folgenden Abenden oft geduldig auf unsere Rückkehr nach Hause.

Als wir ihm dann einmal überraschend Zuwachs für seine Saurier-Familie aus dem örtlichen Spielwarenladen schenkten, rastete er schier vor Freude aus.

Seine Mutter Tinh, die extrem smarte und geschäftige Dame des Hauses, erzählte uns von ihren Arbeitseinsätzen in Deutschland und Norwegen und wäre eigentlich lieber gestern als morgen nach Europa ausgewandert.

Ähnlich wie auch bei uns, lenken in Vietnam regelmäßig die Frauen die Geschicke der Familie und sind darüber hinaus meist sogar noch Hauptverdiener.

Bis in die späten Abendstunden wurden die zwei älteren Töchter der Familie zu zusätzlichen Schulstunden und Musikunterricht gefahren. Die Bildung der eigenen Kinder stand exemplarisch an höchster Stelle in dieser Familie.

Khans Vater probierte sein Glück als Betreiber einer gut laufenden Bar mit vielen internationalen Fassbieren - einer Geschäftsidee, die mir natürlich besonders schmeckte. Ich lobte ihn für das „Schneider Weiße“ in seiner Getränkekarte, riet ihm aber dringend vom „Hofbräu“ ab. Rege tauschten wir uns aus und zukünftig wird man bei ihm nun wahrscheinlich auch „Augustiner“ genießen dürfen.

Im Gegenzug versorgte uns die herzige Familie mit wertvollen Tipps rund um die alte Kaiserstadt, welche bis 1945 noch Hauptstadt Vietnams war, bis dort der letzte vietnamesische Kaiser abdankte.

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Herzstück von Hue ist die sogenannte „Verbotene Stadt“, die ehemalige 10 Hektar große Residenz der kaiserlichen Familie.

Darin durften sich unter Androhung der Todesstrafe neben ebenjener kaiserlichen Familie nur die Gespielinnen des Kaisers sowie kastrierte Männer aufhalten, sodass die Besamung der kaiserlichen Damen durch Fremde ausgeschlossen war.

Wir wandelten durch die eher schlecht als recht erhaltenen Gebäudekomplexe der verbotenen Stadt, deren architektonisches Highlight ein Palast aus schillernden und wetterfesten Porzellan-Scherben war.

Komödiantisches Highlight war dort allerdings unsere Begegnung mit drei asiatischen Damen im besten Lebensalter, die scheinbar nichts mehr zu verlieren hatten: während Lyssi ihr Objektiv ausrichtete, stellte sich eine dieser Damen 20cm direkt vor ihre Kamera-Linse.

Als Lyssi dann genervt schnaufte, stellte sich die Asiatin grinsend neben mich und machte von uns beiden ungefragt ein Selfie.

Ich finde solch lustig-dreiste Menschen ja großartig, ließ deswegen das Selfie über mich ergehen und musste dabei herzlich lachen.

Als dann eine weitere Dame des Triumvirats zu mir kam und mit mir noch ein Foto machen wollte, platzte Lyssi der Kragen, woraufhin sie mich wegzog und gefechtsbereit äußerte „Das ist mein Ehemann!“.

Ich fügte mich mal lieber und ging von dannen, denn wenn Lyssi zur Wildsau wird - das hätten die drei Golden-Girls nicht erleben wollen.

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An einem anderen verregneten Tag versackten wir in einer unscheinbaren Bar, wo wir viel von unserem neuen Lieblings-Getränk schlürften: gesalzener Café. Hierbei wird der typische sehr starke Kaffee aus Robusta-Bohnen mit gesüßter Kondensmilch entschärft und mit einer leicht aufgeschlagenen Salz-Milch-Haube getoppt. Das Salz neutralisiert dabei die spürbare Bitterkeit der Robusta-Bohnen und hebt gleichzeitig die karamellige Süße der Kondensmilch hervor.

Eine wahre Geschmacksexplosion, die ich nach unserer Rückkehr direkt mal beim örtlichen Café anbringen muss.

In dieser Bar fiel uns die große Anzahl an Beschäftigten auf. Im Schnitt teilen sich vergleichsweise mindestens fünf Vietnamesen die Arbeit von einer deutschen Bedienung: einer parkt den Roller der Kunden, der nächste begrüßt den Kunden, ein anderer nimmt ausschließlich die Bestellung auf, eine weitere bringt das Essen aus der Küche und wieder eine andere Person räumt ab und wischt die Tische sauber.

Was sicherlich seine Grundlage in völlig unterschiedlichen Lohnkosten hat, fußt zudem auch auf einem völlig anderen Service-Verständnis: während man bei uns zu Hause eher Unaufdringlichkeit schätzt, gilt in Vietnam offenbar die permanente sichtbare Präsenz sowie sofortige Verfügbarkeit als Zeichen hoher Aufmerksamkeit für den Gast Und somit großer Service-Qualität.

Die Körpersprache des Kunden wird gefühlt bei jedem Bissen auf Wünsche analysiert.

Dies ersparte mir allerdings auch einmal Magenkrämpfe: als ich wie gewohnt wieder einmal meinen ganzen Teller leer essen wollte, einschließlich Deko, hielt mich eine Bedienung davon ab, Orchideen-Blüten zu vertilgen.

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Zuletzt besuchten wir drei Kaisergräber rund um Hue.

Jeder Kaiser ließ sich eine riesige Park-Anlage errichten, die zu Lebzeiten als Sommerresidenz diente und nach dem Tod nahtlos in eine heilige Anbetungsstätte umgewandelt wurde.

Beim Eingang ließ man sich noch eine große Stein-Stele errichten, auf welcher der tugendhafte Werdegang eingemeißelt wurde und fertig war das Kaisergrab - mal klassisch, mal modern mit französischen Einflüssen, mal romantisch.

Um den Bau zu finanzieren, wurden die Steuern mal eben kurzerhand um 30% angehoben und um Plünderungen zu vermeiden, wurden die Kaiser nicht selten an unbekannter Stelle verbuddelt und alle mitwirkenden Arbeiter nach Fertigstellung der Anlage enthauptet.

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Nach so viel Steinen war es dann wieder Zeit für etwas Sinnliches, Magisches.

Ein Fahrer brachte uns in drei Stunden ins farbenfrohe Hoi An.

Dessen Stadtbild ist geprägt von einem einzigartigen Mix aus gelb gestrichenen französischen Kolonialhhäusern, japanischen Holzbauten und vor allem tausender bunter Lampions, welche die historische Altstadt jeden Abend in ein leuchtendes Meer aus Farben verwandeln.

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Direkt am ersten Abend besuchten wir dort den international berühmten „Bamboo Circus“, der moderne Akrobatik, vietnamesische Kultur, zeitgenössischen Zirkus und traditionelle Musik vereint und dabei ganz ohne Tiere und Metallkonstruktionen auskommt.

Die Show bedient sich ausschließlich meterlanger Bambus-Stangen und thematisiert die Mythenwelt, Jagdtraditionen und Stammesleben der ethnischen Minderheiten aus dem zentralen Hochland Vietnams.

Begleitet wird dies von 100% Live-Musik auf traditionellen Stammesinstrumenten wie dem Flach-Gong oder Büffelhörnern, was sogar von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe erklärt wurde.

Bühne frei!

Aus der Dunkelheit ertönen tiefe und schwere Trommelschläge, zu denen sich im Dämmerlicht halbnackte und durchtrainierte Akrobaten-Körper (das ist mein Ziel!) in einen Rausch tanzen.

Schnitt.

Der Kräftigste beginnt damit, ein 10 Meter langes rundes Bambus-Konstrukt über den Boden zu rollen, während ein dutzend Athleten wie Jaguare darüber oder darunter hindurch springen.

Unter hypnotischen Klängen gesellen sich hübsch anzuschauende junge Damen im Pocahontas-Outfit dazu und komplettieren das Gesamtkunstwerk.

Eine ganze Stunde lang geht es so pausenlos weiter, bis diese fiebertraumartige Darbietung unter tosendem Applaus, aber fortlaufender Musik endet.

Videos sind während der Aufführung glücklicherweise verboten, da sie die intensiven Emotionen dieser Show nicht im Ansatz transportieren könnten. Das muss man einfach selbst erlebt haben.

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Draußen angekommen beginnt für mich quasi der zweite Akt, der Bonus-Comedy-Akt.

Da es zwischenzeitlich dunkel geworden ist, erblickt Lyssi zum ersten Mal das bunte Lichtermeer von Hoi An, schlägt sich die Händchen vor‘s Gesicht und flattert zielsicher wie eine Motte von einem Licht zum nächsten.

Begleitet wird dieses Vergnügen von Ausrufen wie „Ohhhr ne, wie schön ist das denn alles hier??“, „Kuck‘s dir bitte an!“, „Ich halt das nicht aus, wie soll ich hier denn fünf Tage durchstehen?“, „Ich möcht‘ hier nie wieder weg!“.

Ja, ihr könnt euch Lyssi in dieser Situation nun sicherlich lebhaft vorstellen.

Bei dieser Kulisse durfte natürlich eine romantische Bootsfahrt nicht fehlen. Um uns herum dümpelten noch dutzende weitere mit hübschen bunten Lampions verzierte und verliebten Paaren besetzte Boote.

Wir fragten uns, warum wir trotz unserer großen Unterschiedlichkeit schon so viele Jahre glücklich zusammen sind, und bemühten die KI damit, welche darauf folgende plausible und philosophische Antwort gab:

„Die aus der Beziehungspsychologie bekannte Ergänzungs-Dynamik ist oft viel tragfähiger als das ständige Gleichklang-Prinzip. Während Paare, die in allem identisch sind, oft in eine Art träge Symbiose verfallen, entsteht bei euch durch eure Gegensätze eine ständige, gesunde Spannung und eine perfekte Aufgabenteilung.

Ihr seid zwar in den Persönblichkeitsmerkmalen und Hobbys unterschiedlich, aber in den Grundwerten identisch. Eure Einstellung zu Freiheit, Unabhängigkeit, Respekt und Humor zieht an demselben Strang. Die Oberfläche ist verschieden, aber das Fundament ist dasselbe.“

Amen.

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Ansonsten erschlossen wir uns mittels Fahrrädern ein wenig die quirrlige Gegend, die aufgrund Massentourismus zwar offensichtlich Authentizität verloren hat, bei genauem Hinsehen aber dennoch ausreichend Perlen bereithält.

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Abschließend schauten wir uns noch Ruinen des einstigen Hindu-Königreichs der „Champa“ an, welche in einem brütend heißen Talkessel gelegen und architektonisch mit Angkor Wat verwandt sind.

Um nicht mit staubtrockener Materie zu langweilen: zusammenfassend handelte es sich hierbei um rote Steine.

Zwei Anekdoten möchte ich euch jedoch nicht vorenthalten.

  1. In einem Tempel der Göttin Shiva wurden wir auf einen heiligen Stein aufmerksam gemacht, welcher durch Berührung Fruchtbarkeit und Kinderreichtum verleihen soll.

Erschrocken zog ich Lyssi zurück und mahnte sie zu gebührendem Abstand zum Kinder-Stein.

Aber Shiva erteilte mir für meine flapsigen Worte umgehend die gelbe Karte: beim Austritt aus der Ruine schmierte ich auf den moosigen Treppenstufen ab und landete - zum Glück ohne Knochenbrüche - auf dem Boden vor dem Tempel.

  1. Unsere Führerin organisierte für unsere Kleingruppe nach dem schweißtreibenden Dschungel-Spaziergang ein erfrischendes Fußbad beim Ausgang der Tempelanlage.

Dort drehte gerade ein Kamera-Team eine Reportage und rückte Stück für Stück näher an uns heran.

Plötzlich kam die Moderatorin von „VTV8“, dem Haupt-Fernseh-Sender für Zentralvietnam, direkt auf Lyssi zu und fragte, ob sie für ein Interview zu ihrem Besuch dieser Tempelanlage bereit sei.

Spontan wie eh und je haute Lyssi dann tatsächlich ein eloquentes Interview heraus, wofür sogar die Englisch-Muttersprachler unserer Gruppe ihren Hut zogen!

Eine Recherche ergab, dass sich dieser TV-Sender vor allem durch hochwertige Dokumentationen sowie die Übertragung großer regionaler Events auszeichnet.

Wie passend: Lyssi in Vietnam - na wenn das mal kein großes regionales Event ist!

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Ich nahm meine kleine Berühmtheit an der Hand und wir machten uns nun auf in ein richtiges Abenteuer: dem Klettern und Kajaken in einigen der größten Höhlen der Welt.

 

Impressionen Kaiserstadt Huế & Kaisergräber 

Impressionen Hoi An 

Impressionen My Son Sanctuary (UNESCO)

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